Die Voraussetzungen

Eine Kurzgeschichte, die 2011 im Piper Verlag erschien.

 

1 Karl trifft Herrn Deinböck

Schauen Sie, so einfach wie der Karl sich das vorstellt, ist es halt nicht. Ich hab zwar die Vorgangsnummer hier, aber ich sag jetzt einfach trotzdem Karl, mittlerweile kennt ihn ja eh jeder. Als das durch die Presse ging, da war ich schon ein bisserl über Kreuz mit dem Burschen. Wär er halt gleich zu uns gekommen. Wir sind ja keine Unmenschen. Aber einfach so losreiten, das muss einem doch schon der gesunde Bürgerverstand sagen, dass das nicht geht. Und gut, ich geb zu, da hab ich die Akte erst mal nach unten verschoben und dann hätt‘s halt gedauert bis zum nächsten Termin, Uschi und Elif hin oder her. Aber er ist ja eh nie mehr gekommen.

 

Ich kann ja nix dafür. Schau, hab ich ihm gesagt, es gibt Paragraphen, du kannst nicht einfach durch das Siegestor reiten. Da brauchst du eine Sondernutzungserlaubnis. Während er die Unterlagen durchgeschaut hat, hab ich uns einen Kaffee gemacht. Sogar von dem Dallmayr, den ich von den Kollegen zum Jubiläum geschenkt gekriegt hab. Solche Kundschaft haben wir beim KVR jetzt ja auch nicht jeden Tag, grad in meinen Sachbereich verirrt sich ja selten die Prominenz. Standesamt natürlich schon. Aber sonst eher bei den Kollegen von den Steuern. Ich hab den Karl sofort erkannt, weil das Bild von der Festnahme war ja gleich auf beiden Kästen vorn an der U-Bahn, von der tz und der AZ, das kommt meiner Erfahrung nach sehr selten vor, und ich steig ja jetzt seit mehr als 25 Jahren an der Poccistraße aus. Ich geb dir deine Genehmigung gern, Karl, hab ich gesagt, aber ich brauch die Voraussetzungen. Und die erfüllst du nicht.

 

Der Karl hat mir dann einen langen Vortrag gehalten. Dass München doch eine Pferdestadt wär, mit dem Reiterstandbild vom Maximilian am Wittelsbacher Platz und dem Rattlesnake Saloon, und dem Cafe Reitschule, der Reithalle, dem Blauen Reiter, und Daglfing, und den Fiakern vom Chinesischen Turm, und den Prachtgespannen beim Einzug der Wiesnwirte. Wo es doch das Oktoberfest überhaupt sogar nur gibt, weil der Ludwig und die Therese auf dem Gelände vor der Stadt ein Pferderennen veranstaltet haben.

 

Aber so hat er mich nicht gekriegt. Ich bin ja nicht beim Denkmalschutz, ich präge mit meinen Entscheidungen ganz im Gegenteil das aktuelle Geschehen auf der Bühne der bayrischen Hauptstadt. Genau so steht das in meiner Dienstanweisung, und das unterschreib ich mit einem Kasten Augustiner, wenn‘s sein muss.

 

Da ist der Karl dann laut geworden, schreit mich der an, und wie auf Knopfdruck rummst die Tür auf ohne Anklopfen, und ein junges Dirndl schneit herein. Ganz besorgt hat sie ihm über seine Haar gestreichelt und mir vorwurfsvoll erklärt, dass er sich doch sogar extra seinen Pferdeschwanz hat wachsen lassen für die Aktion. Ein sauberes Madl, die Elif, lange dunkle Haar, die hat wirklich gekämpft für ihn, das hat mir schon imponiert. Aber es hilft halt nix. Bei einer Genehmigung geht es um Voraussetzungen, und nicht um Frisuren.

 

Karl, Vorschlag zur Güte, hab ich gesagt. Du nimmst dir jetzt auf meine Verantwortung hin meine Dienstausdrucke mit, dann gehst mit deiner Türkin daheim noch mal die Auflagen durch, vielleicht habt ihr ja auch einen Juristen in der Verwandtschaft, dann wird‘s einfacher, und wennst alles korrekt ausgefüllt hast, dann bringst mir zwei Kopien mit allen Unterschriften wieder, fristgerecht, dann ist die Sache vom Tisch und du kannst durchs Siegestor reiten. Außer wir müssen noch zum Verkehrsmanagement, oder zum Kulturreferat, oder, falls es auf Kunst im öffentlichen Raum rausläuft, unter Umständen sogar zum Baureferat, aber das weiß ich halt erst, wenn ich die Voraussetzungen mal schwarz auf weiß aufm Papier hab, kruzifix.

 

Der Karl hat dann trotzdem nochmal nachgemault, hat seinen Vater alles Mögliche geheißen, weil der ihn nach dem Tscharlie aus den Münchner Gschichtn benannt hat. Aber ich war gnädig, weil 74, das war halt eine wilde Zeit, ich war da selber einmal im Schwabylon, darf man ruhig zugeben heute. Direkt nach‘m Spiel. Ich glaub, der Franz war auch dort, oder der Katsche, aber sicher bin ich mir nicht mehr, und man will ja niemand was nachsagen.

 

Jedenfalls, damit ich’s nicht vergess, ist mir dann an dem Tag die ganze Nacht die Uschi nicht mehr aus‘m Kopf gegangen. Weil sie ein ganz ähnliches Geschiss mit ihrem Namen gehabt hat wie der Karl. Dauernd ist die von ihren Eltern wegen der Uschi Obermaier gegängelt worden, wie viel die geschafft hat, und sie soll sich doch auch mal ausziehen und was aus sich machen. Ich hör die alte Breitenbichler heut noch durchs Treppenhaus keifen.

 

Und am nächsten Morgen in der Arbeit hab ich mir dann einen Kaffee gemacht, einen normalen aber nur, und statt die tz zu lesen hab ich das Internet eingeschaltet, weil heutzutage ist das ja fast normal, auch in der Arbeit, muss ich zugeben, und hab nach Uschi Breitenbichler gesucht. Fünfundzwanzig Jahre ist eine lange Zeit, aber die Augen von der Uschi, die hab ich sofort wiedererkannt.

 

 

2 Herr Deinböck trifft Uschi

 

Liebe Uschi,

oder muss ich nach all den Jahren jetzt Ursula sagen? Und heißt du überhaupt noch Breitenbichler, oder bist du längst verheiratet und hast einen anderen Namen? Dein sogenanntes ‚Profil‘ sagt leider nicht so viel aus.

Es ist ganz schön lang her, aber wenn du Lust hast, mich würde interessieren, wie’s dir geht.

Dein alter Freund Manfred Deinböck von über der Eisdiele am Roecklplatz

 

 

hallo manfred.

das ist ja eine echte überraschung. schön dass du dich gemeldet hast. wie geht es DIR denn? im internet findet man deinen namen nur auf so einem beschwerdeportal. und irgendwas mit behördenfußball. nein, ich bin nicht (mehr) verheiratet. männer sind generell nicht mehr so mein ding. also nicht wegen sexuell, weißt ja, sondern sozial. ich bin malerin geworden. nix berühmtes, aber ich tus gern. und es ernährt die frau. fast zu gut, aber mei. hab ich auf meine alten tage was, das ich aufzehren kann. ha!

d’uschi vom anderen isarufer

 

 

Liebe Uschi,

das freut mich, dass es dir gut geht. Malerin klingt spannend, ich gehe in meinen Urlauben immer ins Museum und habe auch Kataloge gesammelt. Ich hab sie gerade aus dem Keller geholt. Da ist zum Beispiel was über so Negerfiguren dabei von dem Museum von diesem U-Boot Heini am Starnberger See, von einer Georg Tappert Schenkung im Kunstmuseum Bayreuth (das war ein Fehlkauf, weil ich Georg und Horst verwechselt hab) und aus‘m Ausland hab ich auch was, da ist mir auf dem Weg nach Jesolo hinterm Brenner das Gasseil gerissen, das ist so neumodisches Zeug aus Rovereto. Da könntest du gern eines haben, wenn du Interesse hast.

Das mit deinem Ehemann tut mir leid, ich hab ja nie geheiratet, weil die Steffi, aber das ist eine lange Geschichte, ein anderer halt, ein Handballer, um genau zu sein. Und mach dir keine Sorgen, Sporteln hin oder her, ich hab schon auch einen Ranzen bekommen.

Sollen wir uns mal treffen, zum Beispiel nächsten Samstag nach der Sportschau um 20 Uhr im Hofbräukeller oben am Wiener Platz?

Dein Manfred

PS. Das mit dem Behördenbeschwerdeportal kannte ich nicht. Im Internet bin ich erst seit letztem Sommer. Ich habe es meinem Vorgesetzten gezeigt und er wird eine Eingabe machen!

 

 

hi manni, wollt mich bedanken für den netten abend neulich im camps bay. das war so lustig. ich bohnenstange und dick. hab die mail nochmal rausgezogen, aufzehren, war aber wirklich mehrdeutig, hast schon recht gehabt. und nein, es ist noch keine million, sagt mein galerist. und wenn, mir wärs auch egal.

die masken und figuren in dem katalog von buchheim sind der wahnsinn. danke nochmal auch dafür. ich fand das auch sehr mutig von dir mit dem krokodilfleisch. schwanthaler höhe ist gar nicht mehr so schlecht, gelle? ich war schon so oft in afrika, du musst das wirklich auch mal machen. in südafrika zum beispiel sind sie alle sehr fußballverrückt und ich hab mich bei meinen leuten vom schlingensief team nochmal erkundigt, mit handball scheint im süden und osten absolut nicht so viel her zu sein, weil es zu teuer ist die hallen zu klimatisieren. handball spielen sie in afrika eigentlich nur im norden heroben. außer beachvolleyball fällt auch unter dein, naja, verdikt, sagt man so, das spielen dort wohl viele.

du, ich wollt dich noch mal erinnern an die adresse von diesem karl. ich fand diese sache mit den pferden und der leopoldstrasse wie gesagt riesig. ich hab mich in meinem bildern ja viel mit den engeln der innenstädte auseinandergesetzt und ich würd mich wahnsinnig gern mal mit dem jungen herrn künstler austauschen. nach allem was du erzählt hast, liegt da eine menge potential verschüttet. ich kümmere mich da mal drum. bis denne, s’uscherl

 

 

3 Uschi trifft Elif

 

„Wo bist du eigentlich geboren, Elif?“

Inzwischen habe ich mit dem Strohhalm fast schon den Boden meiner Latte durchgewetzt. Ich habe eigentlich keinen Bock mehr auf ein neues Thema, aber Uschi lässt nicht locker.

„Weil ich nicht so Sachen sage wie lan und ischwör?“

„Elif ist doch ein türkischer Name?“

„Meine Anne ist Türkin, aber mein Papa kommt aus Osnabrück.“

„Anne?“

Unsere Stunde ist eigentlich um. Ich hatte gedacht, ich könnte vielleicht noch was retten. Bescheuert. Was das nur immer ist mit den Kerlen. Karl war natürlich zu stolz gewesen, um sich mit Uschi zu treffen. Für ihn war das Thema gegessen. Der Auftritt am Siegestor hätte sein großes Debüt werden sollen. Urbanauten und so. Und dann holen ihn die Bullen vom Pferd, noch bevor er auf die Ludwigstraße eintrabt. Mit Foto und Presse und allem. Sein Vater hat sich kaputt gelacht. Und am Schluss auch noch der Sack von Deinböck. Die Story, die der Karl sich für den ausgedacht hat, war gar nicht schlecht, aber nach der Abfuhr, das war es ihm dann doch nicht wert. Und ich offensichtlich auch nicht.

„Elif?“

„Meine Mutter. Und Elif heißt einfach sowas wie A. Ist wohl der erste Buchstabe im türkischen Alphabet. Keine Ahnung, was das soll. Vielleicht hatten meine Alten noch größere Pläne, aber es hat dann doch nur für ein Einzelkind gereicht.“

Wir sitzen in dem Cafe gegenüber vom Rathaus. Da trifft man sich also, wenn man Geld hat. Karl und ich verabredeten uns immer unten im Hugendubel, auf den Lesesofas zwischen dem Stock mit der Belletristik und dem mit den Reiseführern. Aber hier oben ist es schön, mit den Blicken auf die Hinterhöfe. Fast Berlin hier. Und ich muss es wissen.

 „Osnabrück – bloß nie zurück, hat es bei uns immer geheißen. Ich bin früh abgehauen, erst nach Bremen rauf, so O-Weg mäßig, und dann nach Berlin rüber. Krasse Zeit, Universität der Künste, mit allem so was abgeht.“

„Du bist auch Malerin?“

Vor lauter Begeisterung holen ihre Arme ein Stück zu weit aus, sie stößt sich ihren Hut vom Kopf und im Nachfassen fischt sie ihn einer Bedienung aus dem Busen, bevor er die leeren Gläser vom Tablett fegt. Das weinrote Fez-artige Etwas, in das Uschi offensichtlich selbst mit fettem Goldfaden „Palette“ eingestickt hat, weckt auch die Aufmerksamkeit der aufgetakelten Araberinnen am Tisch neben uns. Auch sowas Münchnerisches, was ich nur hier erlebt hab. Es gibt keine reichen Araber in Berlin.

„Nee, echt nicht.“ Ich hab echt viele Tussen kennengelernt, die es nicht so drauf haben wie die Uschi, aber mir wird das sowas von zu heftig hier. Zurück zum Thema. „Aber mich freut das echt mit dem Herrn Deinböck. Kannst du nicht doch was für den Karl tun?“

 „Ach, der hat sich zwanzig Jahre nicht gemeldet und hat sich kein Stück verändert. Ein sehr schlichtes Gemüt, ein Kuriosum. Vielleicht mal ich ihn mal, nackt auf einem Krokodil.“

„Und Karl?“

„Elif, nach allem was du mir vorhin erzählt hast, das wird nichts mehr mit Karl. Der interessiert sich für alles und nichts. Euch fehlt die gemeinsame Basis.“

„Der Karl spinnt doch. Warum sind Kerle so?“

„Junge Männer spinnen alle. Alte übrigens auch, aber die haben wenigstens Geld. Vielleicht schämt er sich ja auch einfach nur und will es nicht zugeben.“

Schämen. Als ob man sich vor mir schämen müsste? Wofür hat man denn eine Freundin? Eine SMS im Zug nach Ingolstadt. Arschloch.

„Was hast du jetzt eigentlich studiert in Bremen?“

„Berlin. Sound Studies.“

„Das lernt man jetzt an der Kunstakademie?“

„In Berlin schon. Klangökologie, auditive Konzepte und so. Wird doch alles akustisch vollgemüllt überall. Ich habe mich damit beschäftigt, wie urbane Oasen der Stille geschaffen werden können, so hab ich auch den Karl kennengelernt. Von wegen Basis. Er hatte Urbanität als Stichwort bei friendscout, ich hab mir ein Praktikum besorgt, und jetzt häng ich fest hier unten bei den Lederhosen.“

„Ich sag dir was, Süße: So Karls gibt es immer und überall. Ich hab so viele Männer gebumst…“

„Gewas?“

„Na weißt schon, aber das waren alles Luschen.“

„Was?“

 „Such dir einen mit Geld.“

Hab ich also wieder was gelernt. Uschi zahlte, und wir verabschiedeten uns vor dem Aufzug mit einem Drücken. Draußen auf dem Marienplatz erschlug mich das Gedudel der falschen Indianer, das Rauschen der Massen und dann setzte auch noch das Glockenspiel ein. Karl hat mir mal verraten, dass eines der Stücke „Wohlauf Kameraden, auf’s Pferd, auf’s Pferd“ heißt. Wallah, der fehlt mir vielleicht.  

 

 

4 Karl, allein

 

Ich bin nie durch das Siegestor geritten. Was soll das überhaupt für ein Denkmal sein, wo ein Gespann von Löwen gezogen wird. Aber ich weiß jetzt: Dort endet die Stadt. Dort endet überhaupt alles. Ich bin doch keine siebzehn mehr. Manchmal helfe ich einem Fotografen aus der Hohenzollernstraße bei Hochzeitsfotos aus. Ich besorge die Dreh-Genehmigungen und kümmere mich um die Bildrechte. Cooler Job. Bekam ich über den Aushang am Studentenwerk, weil ich als einziger Bewerber beide Voraussetzungen erfüllte: Interesse für Kunst und Erfahrung mit Behörden. Wir shooten meist frühmorgens, wenn das Licht noch nicht so grell ist und der Verkehr noch zulässt, kurz auch mal von der Straßenmitte aus zu fotografieren. Die Bräutigame wollen ganz geschäftig als erstes immer wissen, auf welcher Seite sie sich für die Fotos aufstellen sollen. Ich zeige dann zuerst in die eine Richtung, den Spruch, der auf der Nordseite eingraviert ist, erkläre dem Paar die Highlight Towers, das Hasenbergl, die Hallertau, den dunklen deutschen Wald, und die braunen Backsteinhäuser bis hinauf, wo die Menschen am flachen Rand der Erde die Diphtongierung nicht mitmachen wollten. Und dann drehe ich mich mit ihnen um, zeige ihnen den Spruch, der auf der Südseite eingraviert ist, auf den Marienplatz, und wir streifen über die Auer Dult, weiter bis an den Tegernsee, lassen die Zugspitze rechts liegen, hinunter zum Gardasee, durch die Toskana, lassen die Adria links liegen, bis hinter Rom, ans türkise Meer. Türkis. Türkis. Türkis. Schade.